Tod an der Blauen Balje

Text:                         Barbara Wendelken                  

Verlag:                       Leda Verlag, Leer     

Erscheinungsjahr:       2011

ISBN - Nummer:          978-3-939689-78-2

Taschenbuch Originalausgabe, 384 Seiten, 10,90 €
 

1993 ertrank Marit Hansens Vater unter ungeklärten Umständen an der Blauen Balje. Damals war nur ihre Jugendliebe Christoph Schneyder mit an Bord. Jetzt findet Marit bei Renovierungsarbeiten eine Blechdose mit geheimnisvollen Papieren, die den Tod ihres Vaters in einem neuen Licht erscheinen lassen. Nach all den Jahren nimmt sie wieder Kontakt mit Christoph auf.

Dann geschieht ein schrecklicher Mord auf Wangerooge. Jemand erschießt Marits Mutter, eine alte, schwerkranke Frau, die ohnehin nicht mehr lange zu leben hat.

Bei seinen Ermittlungen muss Hauptkommissar Gerrit Rennrodt erkennen, dass nicht alle Insulaner die Wahrheit sagen. Er stößt auf alte Geheimnisse und bald ist klar, dass die Lösung in der Vergangenheit zu suchen ist.

 


Leseprobe:

... Sie stand auf und ging rüber zum Fenster. Sogar ihr Gang war noch derselbe, die Länge der Schritte, die Kopfhaltung. Wenn ihr bewusst war, dass er sie anstarrte, konnte sie das gut verbergen. Völlig unbekümmert stellte sie sich auf Zehenspitzen und zog die Vorhänge zu, dann drehte sie sich um. 

 

 

„Du fragst dich bestimmt, warum ich dir geschrieben habe. Bei den Umbauarbeiten hat Jochen Brinkmann eine Blechdose gefunden. Sie befand sich unter dem Stallboden. Die Steine dort hat mein Vater gelegt, als er und meine Mutter 1977 in das Haus gezogen sind. Die Dose muss er also selbst versteckt haben ... warte.“ Marit verließ die Küche und kehrte wenig später mit einer grauen Blechdose zurück, wie Schneyders Großvater sie früher mit zur Zeche genommen hatte. In der Dose befanden sich ein alter, ungültiger Personalausweis und ein Führerschein, beide ausgestellt auf den Namen Klaus Märker, geboren am 13. Mai 1945 in Bremen. Wohnhaft in Bremen-Vegesack, Fährgrund sieben. Und der Mann auf dem Bild war Johann Behrens. Daran konnte eigentlich kein Zweifel bestehen.

„Sag mir bitte, was das bedeutet.“ Ihre Stimme klang gepresst.

In Schneyders Kopf rauschte es, als wäre er unter Wasser geraten. Er starrte den Ausweis an und konnte einfach nicht fassen, was er dort sah. Vor siebzehn Jahren war sein ganzes Leben aus dem Ruder gelaufen. Er litt unter Panikattacken, konnte nicht mehr im Dunkeln schlafen, träumte manchmal wochenlang von schwarz gekleideten Ertrunkenen, die sich triefend vor Wasser in seine Wohnung schleppten, oder von geheimnisvollen Männern, die ihn umbringen wollten. Keiner vermochte zu klären, was damals mit Johann Behrens passiert war. Und jetzt das, vielleicht war Behrens doch ermordet worden, aus einem Grund, den seinerzeit niemand geahnt hatte. Vielleicht war Schneyder selbst nur seinem sicheren Tod entgangen, weil er tief und fest geschlafen hatte. Vielleicht, vielleicht, vielleicht. Als Schneyder schließlich wieder sprechen konnte, murmelte er: „Das kann er nicht sein. Oder?“

Behutsam nahm Marit den Ausweis aus seiner Hand und legte ihn zurück in die Dose. „Doch, Christoph. Ich denke seit Tagen darüber nach. Wahrscheinlich hieß mein Vater nicht wirklich Johann Behrens. Ich verstehe allerdings nicht, warum er seinen Namen geändert hat.“

„Vielleicht wurde er gesucht?“ Ein anderer Grund fiel ihm nicht ein.

Sie lachte unsicher. „Du meinst, er war in Wirklichkeit ein Verbrecher? Unsinn.“ Aber seine Worte hatten sie erschreckt, das war offensichtlich.

Nachdenklich griff er nach der Dose und öffnete sie ein zweites Mal, schaute den alten Ausweis noch einmal ganz genau an. „Hast du mit deiner Mutter darüber gesprochen? Weiß sie, dass ihr Mann möglicherweise unter falschem Namen gelebt hat?“

„Nein. Wie schon gesagt, geht es ihr ziemlich schlecht.“ Mit der linken Hand strich sie die Ponyfransen zur Seite. „Sie hat so gelitten, so getrauert. Wenn jetzt rauskommt, dass er sie die ganzen Jahre belogen hat, ist das ihr Ende, glaub mir.“

Gern hätte er sie jetzt in den Arm genommen. Aber er zögerte zu lang und dann war der Moment schon wieder vorüber ...